Sorge um Stromnetz: Haushalte sehen Risiken durch Sabotage und Cyberangriffe
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Fast die Hälfte rechnet mit längeren Stromausfällen
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92 Prozent fordern schnellere Unabhängigkeit von Öl und Gas
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Große Offenheit für Smart Meter: 69 Prozent nutzen sie oder sind interessiert
Berlin, 30. Juni 2026 - Der Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz oder das Feuer im Umspannwerk in Reutlingen: Mehrere Vorfälle haben in jüngster Zeit gezeigt, wie verletzlich kritische Infrastrukturen sein können. Die Sicherheitsrisiken werden von den Haushalten deutlich wahrgenommen. 74 Prozent halten das Stromnetz in Deutschland für anfällig gegenüber Sabotage oder gezielten physischen Angriffen, etwa auf Leitungen oder Umspannwerke. 71 Prozent sehen eine Anfälligkeit gegenüber Cyberangriffen. Zugleich sagen 93 Prozent, beim Umbau des Energiesystems sollte auf Sicherheit genauso viel Wert gelegt werden wie auf Klimaschutz und Kosten. Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Haushaltsbefragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom unter 1.002 Haushalten in Deutschland. „Deutschland hat eine sehr zuverlässige Stromversorgung. Aber die jüngsten Vorfälle zeigen: Stromnetze müssen besser geschützt werden - nicht nur gegen Sabotage und physische Angriffe, sondern auch gegen Cyberangriffe“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Digitalen Technologien kommt eine Schlüsselrolle beim Angriff auf Stromnetze und ebenso bei ihrem Schutz zu: Tausende Kilometer Stromnetze und die Vielzahl dezentraler Anlagen lassen sich ohne digitale Überwachung und robuste Cybersicherheitsmaßnahmen weder zuverlässig absichern noch stabil betreiben. Zugleich sollten sich aus Bitkom-Sicht auch die Haushalte als Teil einer klugen Krisenvorsorge selbst besser auf mögliche Stromausfälle vorbereiten.“
Fast die Hälfte der Haushalte blickt mit Sorge auf mögliche Stromausfälle: 46 Prozent befürchten, dass es an ihrem Wohnort künftig zu einem Stromausfall von mehreren Stunden kommt, 49 Prozent schätzen diese Gefahr als gering ein. 17 Prozent geben an, in den vergangenen zwölf Monaten bereits einen Stromausfall von mindestens fünf Minuten zu Hause erlebt zu haben. Zugleich hält nur rund ein Viertel (26 Prozent) der Haushalte Deutschland für gut auf einen längeren Stromausfall vorbereitet. Sich selbst sehen die Haushalte etwas besser gerüstet: 47 Prozent fühlen sich persönlich gut auf einen längeren Stromausfall vorbereitet.
72 Prozent fordern schnellere Energiewende
Die Sorge um die Sicherheit der Energieversorgung bedeutet aber nicht, dass die Haushalte beim Umbau des Energiesystems auf die Bremse treten wollen. Im Gegenteil: 72 Prozent finden, dass die Energiewende in Deutschland zu langsam läuft – 39 Prozent sagen „viel zu langsam“, 33 Prozent „eher zu langsam“. Nur 9 Prozent halten das Tempo für genau richtig. Zugleich sagen 92 Prozent, steigende Energie- und Spritpreise zeigten, dass Deutschland von Öl und Gas schneller unabhängig werden müsse. Allerdings sehen viele Haushalte Nachholbedarf: Nur 20 Prozent sind der Ansicht, Deutschland sei heute besser auf Energiekrisen vorbereitet als 2022, als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Wegfall russischer Gaslieferungen eine Energiekrise ausgelöst hatten. Mit der aktuellen Energiepolitik der Bundesregierung sind lediglich 15 Prozent zufrieden. „Die Menschen in Deutschland wollen mehr Unabhängigkeit, mehr Tempo und mehr Verlässlichkeit“, so Rohleder. „Die Energiewende ist längst nicht mehr nur eine Frage der Stromerzeugung. Sie entscheidet darüber, wie wettbewerbsfähig, krisenfest und handlungsfähig Deutschland in Zukunft ist. Dafür reicht es nicht, mehr Windräder, Solaranlagen, Speicher oder Wärmepumpen zu installieren. Wir müssen auch die Prozesse dahinter digitalisieren, von Genehmigungen und Netzanschlüssen über Mess- und Steuertechnik bis zum laufenden Netzbetrieb.“
Großer Wunsch nach mehr Transparenz
Weit verbreitet ist der Wunsch nach mehr Transparenz beim eigenen Stromverbrauch. 90 Prozent fänden hilfreich, wenn sie den aktuellen Stromverbrauch ihres Haushalts so einfach sehen könnten wie den Spritverbrauch im Auto. 58 Prozent fänden hilfreich, per App oder online sehen zu können, welche Geräte im Haushalt besonders viel Strom verbrauchen. 67 Prozent wünschen sich mehr Transparenz hinsichtlich der Klimawirkung ihres Energieverbrauchs. Die meisten Haushalte kennen ihre Stromkosten zumindest grob: 65 Prozent geben an, ungefähr zu wissen, wie hoch ihr jährlicher Haushaltsstromverbrauch ist, 78 Prozent kennen ihre monatliche Abschlagszahlung.
Große Offenheit gibt es in diesem Zusammenhang für Smart Meter. Ein Smart Meter ist ein intelligentes Messsystem, das Verbrauchsdaten digital erfasst und über ein Smart-Meter-Gateway sicher übermittelt, anders als ein einfacher digitaler Stromzähler, der den Verbrauch nur vor Ort anzeigt. Gleichzeitig können intelligente Messsysteme nicht nur Daten senden, sondern auch Preis- und Steuersignale empfangen. In Verbindung mit Steuerungstechnik können sie damit die Grundlage dafür sein, etwa Wärmepumpen, Wallboxen oder Speicher flexibel ins Stromsystem einzubinden. 8 Prozent der Haushalte geben an, bereits einen Smart Meter zu nutzen, 30 Prozent können sich die Nutzung auf jeden Fall vorstellen, weitere 31 Prozent eher. Das Interesse ist damit gegenüber früheren Befragungen weiter gestiegen. Allerdings zeigt sich zugleich ein deutliches Informationsdefizit: Unter den Haushalten ohne Smart Meter fühlen sich 77 Prozent insgesamt nicht gut über Smart Meter informiert. 50 Prozent hätten gern einen Smart Meter im Haushalt, 48 Prozent haben jedoch Bedenken, dass Smart Meter zu viele persönliche Daten erfassen. „Smart Meter sind die Grundlage für ein intelligentes Energiesystem. Sie machen Verbrauch sichtbar, ermöglichen dynamische Tarife und helfen, Stromnetze effizienter zu nutzen“, sagt Rohleder.
9 von 10 würden ihren Stromverbrauch an Preise anpassen
Das Interesse an dynamischen Stromtarifen ist ebenfalls groß. Dabei richtet sich der Preis nach der aktuellen Situation am Strommarkt: Strom ist günstiger, wenn viel verfügbar ist, etwa bei viel Wind- oder Solarstrom, und teurer, wenn Strom knapp ist. Voraussetzung ist in der Regel ein Smart Meter, der erfasst, wann genau Strom verbraucht wird. 2 Prozent nutzen laut Befragung bereits einen dynamischen Tarif, 31 Prozent können sich die Nutzung auf jeden Fall vorstellen, 37 Prozent eher. Noch deutlicher fällt die Bereitschaft zu einem flexibleren Verbrauchsverhalten aus: 90 Prozent wären bereit, ihren Stromverbrauch an aktuelle Strompreise anzupassen, wenn sie dadurch Geld sparen können. 85 Prozent wären auf jeden Fall oder eher bereit, Geräte und Anwendungen automatisch dann laufen oder laden zu lassen, wenn Strom gerade besonders günstig ist. „Dynamische Tarife und flexible Verbraucher können Haushalte entlasten und zugleich das Stromsystem stabilisieren“, sagt Rohleder. „Dafür braucht es aber einfache Angebote, verlässliche Informationen und digitale Anwendungen, die im Alltag funktionieren. Niemand sollte Strompreise im Tagesverlauf minutiös verfolgen müssen. Die Digitalisierung kann und wird den Aufwand hier deutlich reduzieren.“
Insgesamt sehen 89 Prozent der Haushalte die Digitalisierung eher als Chance für die Energiewende, nur 7 Prozent eher als Risiko. Damit ist die Zustimmung zur Digitalisierung der Stromnetze weiter gestiegen. Rohleder: „Die Haushalte sind offen für digitale Lösungen. Jetzt kommt es darauf an, Smart Meter, Steuerungsinfrastruktur, Daten- und KI-Anwendungen sowie flexible Tarife schneller in die Praxis zu bringen. Die Energiewende wird nur gelingen, wenn sie digital, sicher und verbraucherfreundlich umgesetzt wird.“
Aus Sicht des Bitkom sind dafür mehrere Schritte von besonderer Bedeutung. Die Politik sollte den Smart-Meter-Rollout beschleunigen und mit der kommenden Novelle des Messstellenbetriebsgesetzes stabile Rahmenbedingungen schaffen. Das geplante Netzpaket sollte genutzt werden, um Netzanschlussprozesse zu digitalisieren und zu standardisieren. Auch die Wirtschaft ist gefordert, Smart Meter und Steuerungsinfrastruktur auszurollen, Daten und KI im Stromverteilnetz breiter einzusetzen und den Energieverbrauch in Industrie und Gewerbe stärker zu flexibilisieren. Verbraucherinnen und Verbraucher können prüfen, ob Smart Meter und dynamische Tarife für sie sinnvoll sind, ihren Stromverbrauch stärker an günstige Zeiten und die Verfügbarkeit erneuerbar erzeugten Stroms anpassen und Smart-Home-Technologien zum Energiesparen nutzen. „Die Energiewende ist eine Gemeinschaftsaufgabe“, sagt Rohleder. „Die Politik muss verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, Verfahren beschleunigen und Investitionen erleichtern. Die Wirtschaft muss sichere Netze, digitale Lösungen und flexible Angebote schnell in den Alltag bringen. Und die Haushalte können selbst aktiv werden, indem sie ihren Verbrauch besser beobachten, Strom möglichst dann nutzen, wenn er günstig und erneuerbar verfügbar ist, und neue Technologien unvoreingenommen prüfen. Eine erfolgreiche Energiewende ist entscheidend für unsere Zukunftsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und unsere digitale Souveränität.“
Grundlage der Angaben ist eine Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt hat. Dabei wurden 1.002 Haushalte in Deutschland mit mindestens einer Person ab 18 Jahren telefonisch befragt. Die Befragung fand im Zeitraum von KW 16 bis KW 20 2026 statt. Die Umfrage ist repräsentativ.
