Deutsche Cloud: 4 von 10 Unternehmen würden Abstriche in Kauf nehmen

  • 85 Prozent halten Deutschland für zu abhängig  

  • KI und Daten sind Treiber der Cloud-Nutzung  

  • Bitkom veröffentlicht „Cloud Report 2026“

Berlin, 17. Juni 2026 – Die deutsche Wirtschaft sieht eine immer stärkere Abhängigkeit von Cloud-Diensten aus dem Ausland. Dabei wären mehr Unternehmen bereit, auf eine Cloud aus Deutschland zurückzugreifen, auch wenn sie Abstriche im Vergleich zu bestehenden Angeboten in Kauf nehmen müssten. 85 Prozent der Unternehmen halten Deutschland für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern, vor einem Jahr lag der Anteil noch bei 78 Prozent. 80 Prozent wünschen sich große Cloud-Anbieter, sogenannte Hyperscaler, aus Deutschland oder Europa, die es mit den globalen Marktführern aufnehmen können. Zugleich wären inzwischen 37 Prozent bereit, einen Cloud-Dienst zu nutzen, der Daten ausschließlich in Deutschland und vor ausländischem Zugriff geschützt verarbeitet, auch wenn das mit Nachteilen wie weniger Funktionen oder höheren Kosten verbunden wäre. Vor einem Jahr waren es mit 27 Prozent noch deutlich weniger. Fast zwei Drittel (64 Prozent) der Unternehmen, die Cloud-Computing nutzen, fühlen sich durch die Politik der US-Regierung gezwungen, ihre Cloud-Strategie zu überdenken, nach 50 Prozent vor einem Jahr. Das sind Ergebnisse des „Cloud Report 2026“, den der Digitalverband Bitkom heute veröffentlicht hat. Für den Bericht wurden 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten in Deutschland repräsentativ befragt. „Die Cloud ist eine zentrale Infrastruktur für die deutsche Wirtschaft. Angesichts der großen geopolitischen Veränderungen rücken jetzt Fragen der Souveränität und des Abbaus einseitiger Abhängigkeiten in den Fokus“, sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. „Deutschland muss sich bei der Cloud mit Blick auf die zunehmende Bedeutung von KI und Daten aus einseitigen Abhängigkeiten lösen.“

Für nahezu alle Unternehmen, die Cloud-Dienste nutzen oder dies in Erwägung ziehen (98 Prozent), spielt das Herkunftsland des Cloud-Anbieters eine Rolle. Die Anbieter-Landschaft und der Wunsch der Unternehmen klaffen dabei deutlich auseinander: 71 Prozent der Unternehmen beziehen heute Cloud-Angebote aus den USA, bevorzugen würden das aber nur 8 Prozent. Bei deutschen Anbietern ist es eher umgekehrt: 53 Prozent nutzen aktuell Provider aus Deutschland, vorziehen würden sie 91 Prozent der Unternehmen. Anbieter aus der EU sind heute bei 45 Prozent im Einsatz, bevorzugt würden sie von 68 Prozent. Gleichzeitig sagen 43 Prozent der Unternehmen, für ihre Cloud-Anforderungen gäbe es derzeit keine gleichwertigen europäischen Alternativen zu den US-Hyperscalern.

Für eine deutsche Cloud, die Daten ausschließlich in Deutschland und vor ausländischem Zugriff geschützt verarbeitet, würden 25 Prozent der Unternehmen längere Wartezeiten auf neue Funktionen in Kauf nehmen, im Vorjahr waren das erst 12 Prozent. 17 Prozent wären bereit, eine schlechtere Bedienbarkeit oder einen schlechteren Service zu akzeptieren (2025: 6 Prozent), 14 Prozent würden auf einzelne Funktionen verzichten (2025: 8 Prozent) und 12 Prozent würden auch einen um 10 bis 20 Prozent höheren Preis hinnehmen (2025: 7 Prozent). Der Anteil derjenigen, die solche Nachteile grundsätzlich ablehnen, ist von 65 auf 58 Prozent gesunken.

Unternehmen fordern mehr Souveränität

Vor allem an den Staat haben die Unternehmen klare Erwartungen: 90 Prozent fordern, dass staatliche Stellen stärker auf europäische oder souveräne Cloud-Lösungen setzen, und 79 Prozent sehen den Staat in der Rolle eines Vorreiters bei der Nutzung souveräner Cloud-Angebote. 74 Prozent halten staatliche Initiativen zur Stärkung europäischer Cloud-Infrastrukturen für notwendig. 75 Prozent sagen, die bisherigen politischen Initiativen zur digitalen Souveränität hätten zu wenig konkrete Effekte für ihr Unternehmen gehabt. Nur 30 Prozent finden die aktuelle politische Unterstützung für europäische Cloud-Initiativen ausreichend. Zugleich beklagen die Unternehmen Defizite bei den souveränen Cloud-Angeboten internationaler Anbieter: 87 Prozent vermissen ausreichende Transparenz über Datenverarbeitung und Zugriffsrechte, 53 Prozent halten die rechtlichen und regulatorischen Anforderungen für unklar oder uneinheitlich, und 51 Prozent kritisieren das Fehlen einheitlicher europäischer Gütesiegel oder Zertifizierungen. „Cloud-Souveränität entsteht nicht durch Bekenntnisse, sondern durch verbindliche Standards und einen Staat, der selbst Vorreiter ist“, so Wintergerst.

Cloud sorgt für mehr Sicherheit in den Unternehmen

Aktuell nutzen 86 Prozent der Unternehmen Cloud-Dienste, wobei die Private Cloud (64 Prozent) vor der Public Cloud (53 Prozent) liegt. Weitere 14 Prozent planen oder diskutieren die Cloud-Nutzung, nur für 1 Prozent spielt die Cloud keine Rolle. Viele Unternehmen setzen auf mehr als eine Cloud. 34 Prozent nutzen eine Hybrid-Cloud, also sowohl private als auch öffentliche Cloud-Dienste. Und 38 Prozent setzen auf Multi-Cloud, beziehen also Cloud-Dienste von unterschiedlichen Anbietern.

Wichtigstes Motiv für die Cloud-Nutzung ist dabei die Sicherheit. Drei Viertel (75 Prozent) der Unternehmen, die Cloud-Dienste nutzen oder dies planen, verfolgen mit der Cloud das Ziel, ihre IT-Sicherheit zu erhöhen. Das sind 18 Prozentpunkte mehr als noch vor zwei Jahren (57 Prozent). Ebenfalls 18 Prozentpunkte zugelegt hat der Zugang zu innovativen Technologien wie dem Internet of Things (IoT) oder Künstlicher Intelligenz, den 56 Prozent der Unternehmen als Cloud-Ziel nennen (2024: 38 Prozent). 71 Prozent der Unternehmen wollen mit der Cloud interne Prozesse digitalisieren (2024: 61 Prozent), 67 Prozent verfolgen das Ziel der Kostenreduzierung (2024: 62 Prozent) und 63 Prozent die Umstellung auf Plattformen und Software-as-a-Service (2024: 61 Prozent). Weitere Ziele sind die Reduzierung von CO2-Emissionen (52 Prozent), der Aufbau von Plattformen zur Kooperation mit Dritten (49 Prozent), ein Ausweg aus Hardware-Knappheit (49 Prozent) sowie die Entwicklung innovativer Produkte und Dienste (38 Prozent). Für 25 Prozent ist die Cloud auch das Mittel, um zwischen Cloud-Modellen wie Public, Private und Hybrid Cloud zu wechseln.

Aber auch eigene Produkte und Dienstleistungen werden in der Cloud angeboten. Mehr als jedes fünfte Unternehmen (22 Prozent) bietet eigene Produkte oder Dienstleistungen heute schon ganz (4 Prozent) oder teilweise (18 Prozent) als Cloud-Service an. Weitere 23 Prozent planen ein solches Angebot. 15 Prozent haben keine entsprechenden Pläne, und 32 Prozent führen keine digitalen Produkte oder Dienste, die sich für Cloud-Services eignen würden. „Cloud ist nicht nur für den IT-Betrieb wichtig, sondern für viele Unternehmen auch Teil des eigenen Geschäftsmodells“, so Wintergerst.

KI und Daten sind die Cloud-Treiber

Die Bedeutung von Cloud wird in den kommenden Jahren deutlich zunehmen – getrieben vor allem von KI und damit zusammenhängend von leicht verfügbaren Daten. Beim größten Wachstumstreiber, der Künstlichen Intelligenz, nutzen heute 42 Prozent der Unternehmen entsprechende Dienste aus der Cloud, in fünf Jahren wollen es 69 Prozent sein. Ein Plus von 27 Prozentpunkten und damit der größte Sprung aller Cloud-Anwendungen. Auch Datenbanken (heute 58, in fünf Jahren 78 Prozent), Sicherheitssoftware (48 zu 67 Prozent) und CRM-Systeme (33 zu 51 Prozent) werden voraussichtlich deutlich stärker aus der Cloud bezogen. Bei Kommunikation (64 zu 81 Prozent), Softwareentwicklung (24 zu 40 Prozent), Rechenleistung (61 zu 77 Prozent) sowie Personal- und Finanzlösungen (65 zu 81 Prozent) liegen die Zuwächse jeweils bei 16 bis 17 Prozentpunkten. Eher stagnieren oder leicht zurückgehen wird hingegen das Interesse an reinem Speicherplatz (heute 80, künftig 84 Prozent), Cloud-basierten Office-Lösungen (heute 68, künftig 67 Prozent), IoT-Diensten (42 zu 40 Prozent) und vor allem ERP-Anwendungen, die von 40 auf 30 Prozent zurückgehen. „Cloud und KI sind natürliche Partner. Künstliche Intelligenz ist die Zukunftstechnologie schlechthin und braucht Rechenleistung, die häufig nur Cloud-Dienste anbieten“, sagt Wintergerst.

Cloud steht bei der Hälfte im Vordergrund – sie wird klassische IT aber nicht völlig ersetzen

Schon heute steht die Cloud bei jedem zweiten Unternehmen im Vordergrund. 17 Prozent der Cloud-Nutzer verfolgen einen „Cloud only“-Ansatz, setzen also bei sämtlichen Anwendungen und Systemen auf die Cloud, wohin sie bestehende Lösungen überführen. Weitere 33 Prozent verfolgen eine „Cloud first“-Strategie und greifen bei neuen Projekten bevorzugt auf die Cloud zurück. 28 Prozent ergänzen ihre bestehende IT-Infrastruktur lediglich um Cloud-Anwendungen („Cloud too“). 15 Prozent verfolgen je nach Unternehmensbereich unterschiedliche Strategien, 3 Prozent haben sich dazu noch keine Gedanken gemacht.

Dennoch werden Clouds die IT-Landschaft nicht komplett dominieren. Derzeit werden in der deutschen Wirtschaft im Schnitt mit 47 Prozent nur knapp die Hälfte aller IT-Anwendungen aus der Cloud betrieben. In fünf Jahren soll der Anteil auf 58 Prozent steigen. Während heute noch 15 Prozent der Unternehmen weniger als 10 Prozent ihrer IT-Anwendungen aus der Cloud beziehen, wird das in fünf Jahren nur noch für 3 Prozent der Unternehmen gelten. Der Anteil der Unternehmen, die mehr als die Hälfte ihrer IT-Anwendungen aus der Cloud beziehen, wächst gleichzeitig von 40 auf 60 Prozent. „Für immer mehr Unternehmen wird die Cloud zum Rückgrat ihrer IT. Viele Unternehmen verlassen sich aber nicht vollständig auf die Cloud“, sagt Wintergerst.

Ein Grund dafür könnten auch schwer zu kalkulierende Kosten sein. Im vergangenen Jahr sind die Betriebskosten für Cloud-Lösungen bei 64 Prozent der Unternehmen gestiegen: bei 19 Prozent stark, bei 45 Prozent leicht. Für 2026 erwartet eine Mehrheit erneut steigende Kosten: 14 Prozent rechnen mit stark steigenden, 40 Prozent mit leicht steigenden Ausgaben. 35 Prozent gehen von unveränderten Betriebskosten aus, 9 Prozent rechnen sogar mit sinkenden Ausgaben.

Unternehmen bleiben ihrem Cloud-Anbieter weitgehend treu

Bislang haben nur die wenigsten Unternehmen schon einmal ihren Cloud-Anbieter gewechselt. Lediglich rund jedes dritte Unternehmen, das Cloud Computing nutzt, hat einen solchen Wechsel bereits vollzogen: 26 Prozent haben einmal gewechselt, 8 Prozent mehrfach. 20 Prozent haben einen Wechsel in Zukunft fest vor, 43 Prozent wollen ihren Anbieter hingegen behalten. Als größtes Hindernis nennen 59 Prozent Lock-In-Effekte, also etwa schwierige Datenexporte oder -migration. Dahinter folgen ein fehlender strategischer Bedarf (49 Prozent), zu hoher personeller Aufwand und die hohe Komplexität der Anwendungen (je 45 Prozent), Zufriedenheit mit dem aktuellen Anbieter (43 Prozent) sowie zu hoher finanzieller (41 Prozent) oder technischer (32 Prozent) Aufwand. Rund ein Viertel (28 Prozent) sieht in einem Wechsel ganz allgemein ein zu hohes Risiko, 12 Prozent haben schlicht noch nie darüber nachgedacht. „In den Cloud-Markt könnte in den kommenden Jahren mehr Bewegung kommen, wenn sich Unternehmen einen Wechsel zutrauen und gezielt nach Alternativen mit klarem Souveränitäts-Profil suchen“, sagt Wintergerst. „Lock-In-Effekte so gering wie möglich zu halten, sollte für Unternehmen deshalb auch ein ganz wesentlicher Teil der eigenen Cloud-Strategie sein.“

Bei der Auswahl des Cloud-Anbieters stehen für die Unternehmen Sicherheit und Vertrauen an erster Stelle. Als Must-have-Kriterium nennen 95 Prozent das Vertrauen in IT-Sicherheit, Datenschutz und Compliance, 91 Prozent die Leistungsfähigkeit und Stabilität, 89 Prozent die Möglichkeit zur Datenverschlüsselung und 87 Prozent den Schutz vor unbefugtem Zugriff durch den Cloud-Anbieter selbst. Aspekte der digitalen Souveränität rangieren dahinter: das Herkunftsland des Cloud-Providers (61 Prozent), der Standort der Rechenzentren (57 Prozent) sowie eine einfache Wechselmöglichkeit des Anbieters (37 Prozent). 63 Prozent legen Wert auf Interoperabilität, 61 Prozent auf Nachhaltigkeit wie Klimaneutralität, 48 Prozent auf Zugriff auf innovative Funktionen, 40 Prozent auf niedrige Kosten und 32 Prozent auf weltweite Verfügbarkeit. „Sicherheit ist und bleibt das Top-Thema bei der Cloud-Auswahl: Sicherheit vor Angriffen und Datenverlust, aber auch vor Betriebsausfällen und unbefugten Zugriffen“, sagt Wintergerst.

Praxishilfen für Unternehmen zur Cloud-Souveränität

Bitkom hat zwei aktuelle Praxishilfen für Unternehmen veröffentlicht, die sich mit dem Thema Cloud-Souveränität beschäftigen. Im Positionspapier „Kriterien für Cloud-Souveränität in Europa“ plädiert Bitkom für einheitliche Souveränitätskriterien, die Harmonisierung bestehender Rahmenwerke und einen risikobasierten Ansatz, der sich am konkreten Anwendungsfall orientiert. Für besonders sensible oder kritische Bereiche können dabei höhere Anforderungen sinnvoll sein als für Standardanwendungen. Das Papier steht zum Download bereit unter www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Kriterien-fuer-Cloud-Souveraenitaet-in-Europa

Für Unternehmen, die selbst aktiv werden wollen, um ihre Cloud-Souveränität voranzutreiben, hat Bitkom zudem den Leitfaden „Cloud-Souveränität praktisch umsetzen“ veröffentlicht, der den risikobasierten Ansatz in die Praxis überführt. Unternehmen sollten ihre kritischen Systeme, Daten und Prozesse kennen, Abhängigkeiten bewusst bewerten und konkrete Maßnahmen für Architektur, Governance und Beschaffung souveräner Cloud-Lösungen ableiten. Ein fiktives Fallbeispiel veranschaulicht, wie sich Risiken bewerten, priorisieren und in konkrete Schritte übersetzen lassen. Der Leitfaden steht online kostenfrei zum Download bereit unter www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Cloud-Souveraenitaet-praktisch-umsetzen.

Der vollständige „Cloud Report 2026“ steht zum Download bereit unter: www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Cloud-Report-2026

 

 

 

Grundlage der Angaben ist eine Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt hat. Dabei wurden 603 Unternehmen in Deutschland ab 20 Beschäftigten telefonisch befragt. Die Befragung fand im Zeitraum von KW 14 bis KW 20 2026 statt. Die Umfrage ist repräsentativ.

 

Dr. Monika Thiel
Dr. Monika Thiel
Research Consultant
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